Schmerzfreier Schuldner, die dritte…
Ich möchte natürlich nicht, dass dieser Blog verkommt zu einem Sammelsurium meiner für Außenstehende möglicherweise nicht nachvollziehbaren Schilderungen meiner Büroerlebnisse. Oft wird unsereins nur müde als Sesselpupser etc. belächelt. Aber eins will ich sagen: Büro ist Krieg! Da haben wir zum Beispiel die tägliche Fenster-Zu/Fenster-Auf-Diskussion, die subtilen Tussi-Lästereien über das Outfit der Kollegin zwei Büros weiter und nicht zuletzt die permanenten Versuche, unangenehme, besonders aufwändige oder besonders stupide (aber dennoch nötige) Aufgaben einfach möglichst unauffällig auf andere Kollegen abzuwälzen.
Aber das ist nicht der einzige Schauplatz. Gerade in meiner, der Inkassoabteilung kommt es zwangsläufig immer wieder zu besonders spannenden Auseinandersetzungen.
Das Exemplar Schuldner, mit dem ich gestern zu tun hatte kann man ohne Frage in Kategorie „besonders clever“ einordnen.
Personen:
Schuldner: Naivix Reingefallix
Drittbeteiligter: Betrügerus Wiederholus
Kurze Schilderung des bisherigen Aktenverlaufs:
Februar 2009 – Aktenanlage, Mahnung versandt, Postrückläufer, Meldeamtsauskunft eingeholt, Person nicht zu ermitteln. Da es um ein paar Märker geht (inklusiv Kosten rund fünfeinhalb tausend Scheine) kann man die Akte natürlich nicht so ohne weiteres mit dem Bemerken „Schuldner nicht zu ermitteln, bitte wertberichtigen“ schließen. Intensive Recherchearbeit ist gefragt.
Glücklicherweise hatte der Gläubiger eine Handynummer bei seinen Unterlagen. Unter dieser meldete sich Wiederholus. Auf meine Frage, wo ich denn Reingefallix erreichen könne erklärte er, dass er über die ganze Angelegenheit Bescheid wisse, die Sache auch klären könne und Raten in Höhe von 100,- Euro leisten wolle. Ich lehnte dankend ab (bis zum jüngsten Tage wollte ich die Sache nicht bearbeiten), und bohrte weiter, um Infos über Reingefallix zu erhalten. Aber er hielt dicht…
Sicherheitshalber sind noch mal alle Unterlagen gesichtet und sämtliche Behörden befragt worden, ohne greifbares Ergebnis. Der einzige Anhaltspunkt, der uns jetzt noch blieb war eine namensgleiche Person in einem Ort fünfundzwanzig Kilometer weiter. Ok, Versuch macht kluch, Mahnung dort hin. Gestern rief er mich dann an…
Offensichtlich ein Treffer ins Schwarze. Er kennt Wiederholus. Wiederholus heißt jetzt aber nicht mehr Betrügerus Wiederholus, sondern Betrügerus Verschleierix. Er hat geheiratet. Von der Forderung weiß Reingefallix nichts. Er hat auch mit dem Gläubiger niemals zu tun gehabt. Und an der fraglichen Anschrift, über die das Geschäft abgewickelt worden war hat er auch nie gewohnt. Er bittet um etwas Geduld meinerseits. Möchte diese Angelegenheit doch gerne erst mal mit Verschleierix besprechen. Ich willige ein.
Halbes Stündchen später klingelt es wieder. Reingefallix kündigt mir den darauf folgenden Anruf von Verschleierix an. (An dieser Stelle sei erwähnt, dass wir in den vergangenen Tagen immer wieder versucht hatten, Wiederholus / Verschleierix anzurufen, leider legte er aber immer sofort wieder auf, wenn er wusste, dass wir dran waren… Wollte nun scheinbar doch nichts mehr “regeln”…)
Tatsächlich rief er an. Als wäre überhaupt nichts gewesen, in einer kackendreist, naiven Art sagte er schlicht und einfach, er würde die Forderung zahlen. In Raten. 150,- Euro, vielleicht auch 200,-…
Moooment, zurück auf Anfang:
„Herr Wieder… äh, Verschleierix, Sie haben ein Rechtsgeschäft unter falschem Namen getätigt. Hier steht eine Forderung von knapp 6000,- Euro im Raum, und sie erwarten jetzt vom Gläubiger, dass dieser bis in alle Ewigkeit darauf wartet?? Trotz des – sagen wir mal vorsichtig – nicht ganz koscheren Hintergrundes?? Sechs Monate räume ich Ihnen ein. Tausend pro Monat! Minimum!“
Er könne das nicht aufbringen, beziehe Hartz IV und sei ja außerdem insolvent…
Rückblende:
Wiederholus ist kein unbeschriebenes Blatt.
Ich erinnere mich an eine Akte, die ich vor etwa einem Jahr gegen Mutter Wiederholus bearbeitet hatte. Selber Gläubiger. Auch damals hatte er schon unter falschem Name Verbindlichkeiten verursacht.
Ich erinnere mich weiter, einige Jahre zurück, eine Akte, die Anfangs gegen Unschuldigus Wiederholus bearbeitet worden war, ein Mensch, den es nicht gab, und letztlich sollte sich herausstellen, dass ebenfalls Betrügerus Wiederholus Initiator war und auch hier unter falschem Name bestellte.
Durch die Blume sprach ich Wiederholus / Verschleierix darauf an, deutete mögliche Konsequenzen an und gab zu verstehen, dass er dieses Mal den Bogen überspannt hatte. Ich räumte ihm Zeit bis Dienstag nächster Woche ein, um den Betrag aufzutreiben bzw. für eine realistische, zeitnahe Tilgung zu sorgen.
Keine 10 Minuten später rief mich dann Reingefallix wieder an. Ob es denn wirklich stimme, dass ich mit Verschleierix eine Ratenvereinbarung getroffen habe…
Ich war sprachlos. Wie kann man so schmerzfrei sein?! Natürlich gab ich Reingefallix zu verstehen, dass keine Vereinbarung getroffen worden war! Und weiter teilte ich Reingefallix mit, dass ich augrund seiner Vergangenheit nicht davon ausgehe, dass Verschleierix sich ernsthaft um eine Tilgung bemühen werde.
Reingefallix deutete dann – ebenfalls durch die Blume – an, wen er am Wochenende aufsucht und was er mit ihm anstellen werde. Innerlich spendete ich Beifall.
Wir verabschiedeten uns und wünschten uns frohe Pfingsttage. Ich bin gespannt, ob Verschleierix Dienstag noch sprechen kann…
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