Montag Abend, ca. 20:45 Uhr.
Der 17. Dezember 2001.
In wenigen Minuten sollten “Die Simpsons” beginnen, danach “Futurama”. Es versprach, ein angenehmer Fernsehabend zu werden. Nun ja, um die Entspannung noch wenig zu erhöhen, ein kleines Tütchen gebaut, und gemütlich geraucht…
Es war soweit, “Die Simpsons” fingen an. Ulkige Gags; an deren genauen Inhalt jedoch fehlt jede Erinnerung, woran der spätere Abend nicht ganz unschuldig gewesen sein dürfte. Nach nur wenigen Minuten folgte allerdings schon die erste Werbung, ich zappte völlig genervt umher, zuerst auf die Musiksender. MTV2 – irgendwelcher Pop-Kram, schnell weiter. VIVA2 – eine seltsam schöne Kulisse, ein süßer Junge. Ich zappte weiter, auf VIVA und MTV. Aber das süße Gesicht hatte sich sprichwörtlich in meine Erinnerung gebrannt – schnell zurück auf VIVA2.
Ja!, es ist noch nicht zu Ende.
Der süße Junge war immer noch da. Er sitzt auf einem Steg. Er schaut nach unten, hält etwas in der Hand. Er hebt es langsam hoch. Zwei Puppen, stark beschädigt. Ein anderer Junge, ebenfalls am Wasser sitzend, schaut zu ihm herüber, ein Schimmer von Traurigkeit in seinem Blick. Er dreht sich wieder weg, schlägt mit einem Stock aufs Wasser.
Der andere drückt daraufhin die Puppen fest an seine Brust. Er hebt sie hoch. Im Gegenlicht der Sonne sieht man den Grad Ihrer Zerstörung.
Ein Gesicht mit einer dicken, dunklen Schweißerbrille ist zu sehen. Funken sprühen. Plötzlich schiebt die Gestalt die Brille nach oben, ein irgendwie dumm, behindert wirkendes Gesicht kommt zum Vorschein. Der Mann schaut auf; der Ausdruck in seinen Augen ist kaum zu deuten. Erst als die Kamera dann wieder auf den Jungen mit den Puppen deutet, wird klar, wohin der Mann schaute.
Ich war mir zunächst nicht sicher, wie ich seinen Blick deuten sollte – Angst, Wut, oder einfach leer.
Man sieht erneut die Puppen, dann wieder den Mann, rennend. Noch immer ist sein Blick nicht eindeutig zu erfassen, dennoch konnte man nun schon eher einen Ausdruck von Wut in ihm erkennen.
Der Junge streckt nun wieder die Puppen in die Luft. Im Hintergrund sieht man den Mann, auf den Jungen zu laufend. Er streckt seine Arme aus. Berührung.
Nun wird klar, an beider Gesichtsausdruck deutlich zu erkennen, dass der Mann den Jungen nicht vor irgendetwas schützen wollte. Nein, er reißt ihn zu Boden, Schmerz im Gesicht des Jungen. Der dunkelhaarige Junge schaut herüber, immer noch Traurigkeit in seinen Augen bergend.
Der Mann reißt die Puppen aus der Hand des wehrlos am Boden liegenden Jungen, holt aus, und – plötzlich ein Aufschrei. Die Verzweiflung im Gesicht des Jungen ist so deutlich. Die Puppen fliegen, fallen ins Wasser. Der andere Junge dreht sich weg.
Schnitt.
Der Mann sitz im Auto. Im hinteren Teil des Wagens sieht man den Jungen, traurig aus dem Fenster nach unten blickend. Sie steigen aus, laufen auf einem Platz entlang.
Der Vater spornt seinen Sohn an, Aggression ist deutlich in seinem Blick zu erkennen.
Der andere Junge ist noch am Wasser, die Puppen liegen zu seinen Füssen, werden durchspült von den Wellen. Er greift nach ihnen, hebt sie aus dem Wasser.
Man sieht wieder den blonden Jungen, nun in einer Umkleidekabine, ein Trainer erklärt Spielzüge. Doch der Junge beachtet ihn nicht. Er schaut traurig nach unten. Plötzlich schiebt sich von der Seite etwas ins Bild. Er blickt auf. Vor ihm sieht er nun den anderen Jungen, welcher ein Paket in der Hand hält, ein Korb, mit einem Tuch überdeckt.
Er streckt die Arme aus, bereit, das angeboten Päckchen anzunehmen. Plötzlich, völlig unerwartet berühren sich ihre Fingerspitzen. Man spürt Wärme, Geborgenheit, Zärtlichkeit.
Ich wurde stutzig. Anfangs hatte ich geglaubt, dass sich das Video mit der Thematik des Religionskonfliktes in Nordirland beschäftigte. Aber dieses Bild passte nun ganz und gar nicht in diese Vorstellung. Vielleicht war das aber auch gar nicht so vom Regisseur beabsichtigt. Vielleicht wollte ich diese Berührung auch nur gesehen haben…
Der Junge hebt langsam das Tuch, man erkennt sofort das zerstörte Antlitz der Puppen. Er blickt auf, schaut dem Jungen ins Gesicht. Angst, Unsicherheit, Verzweiflung, aber auch ein wenig Hoffnung in seinem Blick. Der andere Junge jedoch schaut völlig kalt.
Schnitt
Auf dem Spielfeld. Die Spieler stehen alle in einer Reihe, wärmen sich auf. Die beiden Jungen schauen sich wiederum an. Anstoß. Das Spiel beginnt. Der Dunkelhaarige schießt einen Pass zu dem Blonden, dieser läuft los. Die Zuschauer am Rand feuern ihn an, der Blick seines Vater scheint zu sagen: ´Los, sonst bringe ich dich um!` Er schießt. Die Musik wird langsamer. Ein Volltreffer. Jubel. Die gesamt Mannschaft stürzt sich vor Freude auf ihn.
Man sieht die Zuschauer; den Vater; ein dickes Kind; zwei Jungen.
Langsam löst sich das Knäuel der am Boden liegenden Jungen. Die Musik baut Spannung auf. Ein Junge steht vom Boden auf, und geht langsam aus dem Bild. Er gibt damit den Blick frei auf die am Boden liegenden Jungen – sich gegenseitig umarmend.
Ich hob meinen Kopf. Das wirkte nun ganz und gar nicht wie eine Fußballtypische Umarmung, um den Erfolg zu feiern…
Die Musik nimmt noch immer an Spannung zu, Zoom auf ihre Gesichter. Die Musik scheint kurz vor ihrem Höhepunkt, ihre Lippen bewegen sich aufeinander zu,
der Kuss.
Schnitt
Man sieht beide Jungen durch die Landschaft laufen, umhertollend, fröhlich lachend. Der eine klettert an einem Ast, während der andere zufrieden am Boden liegt. Sie liegen aufeinander, der Blonde streckt seine Zunge heraus, berührt damit zärtlich die Lippen des Dunkelhaarigen.
Schnitt
Wieder auf dem Fußballfeld, der Vater stürmt voller Zorn auf die beiden zu. Man sieht wiederum die Zuschauer, die älteren geschockt, die jüngeren zum Teil verwirrt, zum Teil von Hass erfüllt.
Der Vater ist nun bei ihnen, reißt sie auseinander. Eine Bibel fällt zu Boden. Die Jungen versuchen in ihrer Verzweiflung, sich aneinander festzuhalten, doch sie haben keine Chance gegen die Übermacht des Mannes. Der Blonde wird von seinem Vater weggeschleift, der Dunkelhaarige steht in den Armen einer Frau.
Schaut seinem Schatz traurig nach.
Schaut nach oben, sieht die Puppen fliegen.
Die letzten Sekunden des Videos konnte ich beim ersten Mal noch nicht so genau erkennen, ich hatte Mühe, den soeben eingeblendeten Titel des Liedes, sowie den Interpreten zu lesen. Mag sein, dass das noch ein wenig an meinem Rausch lag, zu einem Großteil aber auch an der Sprache. Es sah irgendwie Skandinavisch aus. Auf jeden Fall war es mir nicht auf Anhieb möglich, mir den Namen zu merken.
Ich schaltete wieder auf Pro Sieben. Die Simpson liefen schon wieder.
Das Video ging mir jedoch nicht aus dem Kopf. Ich stand auf, der Computer lief auf Standby. Ich setzte mich ein wenig zitternd davor.
Was habe ich da gerade gesehen???
Ich startete das Internet. Suchmaschine.
Mist!!! Wie hießen die jetzt??? – Irgendwas mit sig… ros…? So ähnlich?
Ich gab diese Fragmente in die Suchmaschine eine. Tatsächlich, Resultate. Ich klickte den ersten Link. Eine Isländische Band.
Sigur Rós
Der Blinde Sänger spielt seine E-Gittare mit einem Geigenbogen.
Toll. Aber was genau habe ich da gerade gesehen?
Ich versuchte die nächsten Links. Plötzlich kam ich auf die Seite, auf welcher man sich online verschiedene Videos, unter anderem auch Musikvideos ansehen kann. Unter dem Suchbegriff “Sigur Rós” fand ich diverse Titelbezeichnung. Ich klickte den ersten Titel an. Ein Video startete, aber schon nach kurzer Zeit bemerkte ich, dass das nicht das soeben Gesehene war. Ich versuchte die nächsten. Plötzlich sah ich den Jungen. Mein Herz raste. Ja, ich hatte es wieder gefunden.
Viðrar Vel Til Loftárása
Ich sah es mir noch einmal an – in miserabelster Qualität, vielleicht 6-mal-7-Zentimeter-Format. Ich konnte es nicht glauben.
Ich habe es mir dann noch zwei- oder dreimal angeschaut, anschließend noch ein bisschen über die Band gesucht. Auf der Seite www.sigur-ros.co.uk fand ich schließlich sogar einen download-link für dieses Video – knapp 15 Megabyte.
Gut, das muss nicht sein.
Ich rauchte noch die ein oder andere Zigarette, ein Spielchen Solitär, und dann ging ich ins Bett.
Hier packten mich dann die Spätfolgen des Joints. Ich dachte immer noch über das Video nach, aber immer öfter und immer intensiver kam mir ein neuer Gedanke.
“Wenn ich das Video jemandem schicke, nur mit den Worten >>Denk mal drüber nach, warum ich Dir das geschickt haben könnte<<, dann wäre ich praktisch geoutet.”
Aber wem könnte ich das schicken?
Mein erster Gedanke -
Katja.
Psychologie-Studentin, sehr verständnisvoll, verschwiegen, wenn’s drauf ankommt. Eine gute Freundin. Aber wie sähe das aus, wenn sie von meinem Schwulsein wüsste? Könnte ich dann immer noch auf ihre Diskretion bauen? Oder wüsste es schon zwei Tage später die gesamte Stadt.
Ich lag lange wach, die Gedanken daran quälten mich förmlich. Ich griff mein Handy, und tippte: “Moin Frau H. Kannst du ein Geheimnis für dich behalten? PS: Ist kein Scherz, ist verd*** ernst!” Ich las den Text mehrmals, zweifelte, ob ich ihn abschicken sollte. Dann, wie von einer fremden Macht gesteuert ging ich auf ´Senden´, suchte ihren Namen und schickte ihr den Text…
Oh mein Gott, was hast du jetzt gemacht?!?
Es war spät, sicherlich würde sie schon schlafen, und wenn ich am nächsten Tag tatsächlich eine Antwort von ihr erhalten würde, dann könnte ich mich sicherlich irgendwie rausreden.
Plötzlich piepte das Telefon. Mein Herz raste wieder. Aufregung, Unsicherheit. Sie war es.
Verdammt.
Ich antwortete: “Dann leer in 5 min dein E-mail-Postfach!”
Ich stand wieder auf, warf den Rechner an, Internet, Link gesucht, Mail getippt: “Schau dir das Video genau an, ruhig mehrmals. Dann sag mir bitte, was du davon hältst”
Ich ging auf Senden. Und fing an zu zittern. Ich wusste, dass ich nun quasi geoutet war. Der Tag, den ich solange herbeigesehnt hatte, den ich solange verflucht hatte.
Der – das würde sich später noch ergeben – wohl beeindruckendste Tag meines Lebens.
Ich spielte Solitär – aber jedes Spiel endete mit einer Niederlage. Diese Gefühle; Angst, Nervosität, Erwartung, Hoffnung, Freude; in erster Linie Angst. Das Telefon piepte.
“Ich denke, dass das n klasse Video ist. Besonders wenn die Bibel zu Boden fällt, und die Musik unharmonisch wird.”
Weiß sie es jetzt, und will sie es nicht wahrhaben, oder hat sie wirklich noch keine Ahnung?
“Mehr ist dir nicht aufgefallen? Von den Personen her? Denk!”
Das Zittern wurde stärker, eine weitere Runde Solitär. Es piepte wieder: “Verdammt… Nein! Kann aber aufgrund eines technischen Defektes auch kein Vollbild ansehen.”
Maaaaan, komm schon!!! Dazu brauchst du kein Vollbild!
“Junge, bist du schwer heute. Also, die beiden Hauptpersonen hatten offensichtlich ein Problem, haben es gelöst… Und ich habe dir dieses Video geschickt…”
Und noch ein SMS hinterher: “Kleiner Tip: Du kennst mich nicht!!!”
Wenn sie es jetzt nicht geschnallt hat…
Es piepte: “Ja, an diesem Ansatz bastele ich auch gerade gedanklich. Mein einziger Schluß wäre, dass du schwul bist…”
Da war es. Dieser Satz, dieses Wort. Und mit ihm das Gefühl unglaublicher Erleichterung. Sie hatte es…
“Herzlichen Glückwunsch…”
Darauf sie ganz trocken und selbstverständlich:
“Falls du mich verarschen willst, finde ich es nicht lustig. Andernfalls: Wo liegt das Problem?”
Sie versteht mich. Sie hat sich nicht gleich von mir abgewandt. Nein, sie ist noch da, und es scheint ok für sie zu sein.
“Würde ich nachts halb 2 Leute verarschen?!?”
Klar, das würde ich normalerweise schon. Sie wusste das zwar, aber in diesem Moment was ihr eigentlich schon klar, dass es diesmal wirklich mein Ernst wahr.
Wir erkannten dann ziemlich zeitgleich, dass nun etwas mehr Kommunikation vonnöten war, und dass dies per SMS äußerst teuer werden würde. Katja schlug vor, dass wir uns besser weiter in einem Chat unterhalten sollten.
Natürlich machte diese Programm erst wieder Probleme – wie immer, wenn man es am dringensten brauchte. Dann endlich das erste “Hallo” von ihr auf dem Schirm.
Zuerst noch mal die grundlegende Frage, ob das wirklich mein Ernst war. Nachdem ich sie endgültig davon überzeugt hatte, folgte ein langes “Gespräch”, dessen Inhalt ich leider nicht mehr so genau weiß.
Wir chatteten, darüber, warum ich nicht schon früher etwas gesagt hätte, über meine Angst vor Ablehnung im Freundeskreis, über meine Eltern, ob ich eine Freund habe… Es war offensichtlich ein Vorteil, dass ich mir nicht nur eine angehende Psychologin für dieses Ereignis ausgesucht hatte, sondern auch eine wunderbare Freundin.
Es wurde spät – früh. Mittlerweile halb vier Uhr morgens. Ich musste um halb acht wieder aufstehen, aber viel Schlaf erhoffte ich mir in dieser Nacht sowieso nicht mehr. Trotzdem wir kamen dann zum Schluss. Ich hatte schon richtige Schuldgefühle, dass ich sie die ganze Nacht wachgehalten habe. Aber alle Entschuldigung, und auch den überaus herzlichen Dank wimmelte sie ab:
“Unter Freunden braucht man sich nicht zu bedanken.”
Ich war fertig mit der Welt.
Eine letzte Zigarette, dann ging ich zu Bett. Ich dachte nach.
Das war nun also dieses Mysterium, dieser so entscheidende Tag? Was würde sich nun verändern? Wie geht’s jetzt weiter? Ich wusste es nicht. Ich schlief ein.
Ich erwachte am Morgen, und war erstaunlich fit.
Ist das gestern / heute wirklich passiert?
So langsam kehrten die Erinnerungen wieder zurück. Ich konnte es immer noch nicht fassen. An diesem Tag hätte ich besser Blau gemacht, wirklich produktiv war ich sowieso nicht. In regelmäßigen Abständen las ich mir wieder und wieder die SMS durch. Es ist tatsächlich geschehen.
Der Anfang…
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